Freunde der Deutschen Evangelischen Kirche auf Capri e.V.

 
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C Capri und Kirche

 

Auf dieser Seite finden Sie Informationen zur Geschichte der Deutschen Evangelischen Kirche, Texte und Berichte von Urlaubsseelsorgern und vieles mehr rund um die Kirche auf Capri.


 

Zeittafel zur Geschichte der Kirche

 

 

Klaus Nagorni

Wie eine Perle im Mittelmeer
Die Deutsche Evangelische Kirche auf Capri

 

 

Werner Ehmler

Ein etwas anderer Gottesdienst auf Capri oder:
»Der Himmel ist um die Ecke«

 

 

Bitte beachten Sie auch unsere Literaturempfehlungen

 

 

 

Zeittafel zur Geschichte der Kirche

 

1885

Frankfurter Bürger gründen den Verein zur Einrichtung deutsch- evangelischer Gottesdienste in Kurorten e. V. Initiator und 1. Vorsitzender (1885-1919) ist der Kaufmann Moritz von Bernus (1842-1919) zusamen mit Hugo Andreae (1854-1904); es werden 4 Kurkapellen errichtet (1897 Gardone am Gardasee, 1899 Capri, 1904 Bordighera an der Riviera und Nervi bei Genua); Theodor Trede, der Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Neapel, hält im August 1885 einen Gottesdienst in der Anglikanischen Kapelle
 

1891

erster Bericht über einen evangelischen Kurprediger-Gottesdienst von Prof. Spaeth (deutsch-amerikanischer Theologe aus Philadelphia) im Hotel Faraglioni
 

Früh-jahr 1896

sonntägliche evangelische Gottesdienste von Pfarrer Walther Trittelvitz aus Rügen im Lesesaal des Hotels Quisisana; Kurprediger-Saison ist von Dezember bis Mai; die Kurprediger wohnen im Hotel Quisisana

 

1896

der Verein zur Einrichtung deutsch-evangelischer Gottesdienste in Kurorten kauft ein Grundstück an der Via Tragara
 

24.12.
1899

Einweihung der Deutschen Evangelischen Kirche an der Via Tragara 7a; der Architekt ist Däne Aage von Kauffmann (Frankfurt/Main; 1852-1922); die drei Fenster im Altarraum sind eine Stiftung der Gräfin Harrach (1901) und gefertigt von dem schweizer Künstler Albert Lüthi (Frankfurt/Main; 1858-1903); die Fenster an der Eingangsfront wurden 1914 und die Fenster an der linken Seite des Hauptschiffs 1912 von Königin Victoria von Schweden gestiftet (Tochter des Großherzog Friedrich I. von Baden und seiner Gattin Luise, der Tochter des späteren Kaisers Wilhelm I., verheiratet mit Gustav V. König von Schweden; Victoria war befreundet mit Axel Munthe, dem Autor des weltberühmten Buch von San Michele, in dem er sein Leben und sein Haus in Anacapri beschreibt
 

1901

der Bau ist vollendet; an der Altarwand steht: »Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist Dein Name in allen Landen« (Psalm 8); statt einer Orgel gibt es ein Harmonium als Anklang an die pietistische Versammlungspraxis
 

ab 1905

der Kirchenchor der Evangelischen Gemeinde trifft sich in der Villa Discopoli auf der anderen Straßenseite bei Alice Irmgard Faehndrich Freiin von Nordeck zur Rabenau, der Gastgeberin Rainer Maria Rilkes 1906-1907 und 1908
 

1906

der Berliner Hofprediger Stöcker hält in der Kirche einen Vortrag über das Thema »Das Christentum und die sozialen Aufgaben der Zeit«
 

1910

der Verein bringt ein eigenes Gesangbuch heraus, das auch in Capri Verwendung findet (Geistliche Lieder aus alter und neuer Zeit, Frankfurt 1910)
 

1914

im Katasteramt werden Grundstück und Kirche auf den Namen Johannes Carl de Neufville eingetragen; kriegsbedingt wird die Kurpastoration eingestellt; Waldenser nutzen die Kirche gelegentlich; der Gemeindepfarrer aus Neapel wird Feldgeistlicher; seine Stelle wird erst 1928 wieder besetzt; die Kirche wird als feindliches deutsches Eigentum beschlagnahmt
 

1919

der Frankfurter Kaufmann Gustav de Neufville wird Nachfolger von Moritz von Bernus als Vorsitzender des Vereins (bis 1952)
 

1925

die als feindliches deutsches Eigentum beschlagnahmte Kirche wird von der italienischen Regierung an den Frankfurter Verein zurückgegeben
 

1929

die Gustav-Adolf-Stiftung finanziert Instandsetzungsarbeiten
 

1930

der Deutsche Evangelische Kirchenausschuß in Berlin (Vorgänger des Kirchlichen Außenamtes der EKD) übernimmt die Verwaltung der Kirche
 

1933

Ausbau der Predigerwohnung
 

1935

Reparaturen am Dach, Ausbesserung der Zisterne
 

1936

Buchhändler Eugen Behle, der seit 1928 die Gottesdienste vorbereitete, geht in Konkurs
 

1937

Pfarrer Hoeflich in Neapel erlöst durch Wasserverkäufe aus der kircheneigenen Zisterne 136 Lire
 

1938

erneut Reparaturen am Kirchendach; Elisabeth Rüdorff (Katholikin, Pianistin) und ihr Mann Paolo Falco begleiten viele Jahre, auch nach dem Krieg, Gottesdienste auf Harmonium und Geige
 

1940

Gudrun und Jakob von Uexküll (Philosoph, berühmter Zoologe, Pionier der Umweltforschung) kommen nach Capri, Gudrun v. Uexküll ist Kirchenvorsteherin und kümmert sich um die Kirche, vermittelt Gottesdienste, kümmert sich um die Erhaltung des Akatholischen Friedhofs, hält den Kontakt zur EKD, stirbt 1969
 

1942

das seit 1910 benutzte Gesangbuch Geistliche Lieder aus alter und neuer Zeit wird durch das deutsche Auslandsgesangbuch ersetzt
 

1943

im Oktober übergibt Pfarrer Naumann das Kirchenregister einem schweizer Mitglied des Kirchenvorstands in Neapel und läßt sich nach Bozen versetzen
 

1946

nach dem Krieg wohnen die Kurprediger in der Pension Windsor
 

1948

14 deutschsprachige evangelische Gemeinden, darunter auch diejenige in Neapel, trennen sich von der EKD und schließen sich zur organisatorisch autonomen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien (Chiesa Evangelica Luterana in Italia (ELKI, CELI)) zusammen
 

1952

der Wiesbadener Pfarrer Franz von Bernus wird Vorsitzender des Vereins (bis 1959)
 

1956

Wiederaufnahme der regelmäßigen Kurpastoration in den Sommermonaten durch von der EKD entsandte Kurprediger; zusätzlich findet während der Saison einmal im Monat auch ein waldensischer Gottesdienst statt
 

1959

der Wiesbadener Propst Karl Göbels wird Vorsitzender des Vereins (bis 1978)
 

1961

die Sakristei wird um einen Anbau erweitert
 

1963

in Zukunft übernimmt das Kirchliche Außenamt der EKD die Abordnung der Kurprediger auf Capri; der Verein bleibt verantwortlich für das Kirchengebäude
 

1966

die Kirche erhält als Geschenk der EKD (durch Arved Hohlfeld) ein mechanisches Läutwerk; Instandsetzungsarbeiten am Dach
 

1975

Reparaturen an Ringmauer und Eisengitter
 

1976

die Kirche erhält einen neuen Anstrich
 

1978

der Wiesbadener Pfarrer Arved Hohlfeld, Vizepräsident des Kirchlichen Außenamtes der EKD, wird Vorsitzender des Vereins; er wird unterstützt von Dr. Everhard von Bungartz (Gründungsmitglied der bayr. FDP) und seit 1979 von Jutta Ruocco-Bienengräber (Kirchenvorsteherin)
 

1987

Reparaturarbeiten an der Kirche; das Dach der Sakristei wird erneuert; das Harmonium wird repariert
 

12.01.
1989

der Verein schenkt die Kirche der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien (ELKI / CELI)

 

1990

der Verein zur Einrichtung deutsch-evangelischer Gottesdienste in Kurorten löst sich auf; die Kapellen werden den ortsansässigen Gemeinden geschenkt
 

1997

der Verein Freunde der Deutschen Evangelischen Kirche auf Capri e.V. wird von dem Berliner Pfarrer und Urlaubsseelsorger Stephan Frielinghaus gegründet
 

2000

das 100jährige Kirchenjubiläum wird mit einem einwöchigen Festprogramm begangen; es erscheint die Festschrift »Das Gotteshaus an der Via Tragara. 100 Jahre Deutsche Evangelische Kirche auf Capri.«
 

2004

in der Evangelischen Akademie Bad Herrenalb findet die Tagung »Capri oder die Geschichte einer Sehnsucht« statt, welche die Kirche, ihre Geschichte und Zukunft zum Thema hat
 

2005

 

im Januar konstituiert sich der Verein Freunde der Deutschen Evangelischen Kirche auf Capri e.V. neu; eine Homepage www.kirche-capri.de wird eingerichtet; im März finden eine Reihe von Vorträgen in der Kirche statt
 

 

nach: Dieter Richter (Hrsg.):
Das Gotteshaus an der Via Tragara.
100 Jahre Deutsche Evangelische Kirche auf Capri.
Eine Festschrift.
Capri: La Conchiglia, 2000.

 

Das Buch kann auch direkt über den Verein (s. Kontaktanschrift oben) zum Preis von EUR 16,- + EUR 2,-  für Porto und Verpackung bestellt werden.

Bitte beachten Sie auch unsere Literaturempfehlungen

 

 

Klaus Nagorni

Wie eine Perle im Mittelmeer

Die Deutsche Evangelische Kirche auf Capri

Ob Rilke zur Kirche gegangen ist? Der Frage kommt man näher, wenn man die Insel Capri aufsucht. Dort weilte der Dichter zweimal für längere Zeit – 1906 und 1908 – in der eleganten Villa Discopoli und genoss die Gastfreundschaft ihrer Besitzerin, Freifrau Alice Irmgard Faehndrich (1857–1908) und später ihrer Nichte Gudrun Baronin von Uexküll (1878–1969).

Deren Villa liegt direkt neben der evangelischen Kirche. Am Heiligabend des Jahres 1899 wurde das Kirchengebäude feierlich von den damals noch zahlreich auf Capri vertretenen Mitgliedern der deutschen Kolonie eingeweiht. Da Rilkes Gastgeberinnen sich mit großem Einsatz für die Kirchenpflege zuständig wussten, darf man getrost annehmen, das auch der Dichter häufiger den Weg in das benachbarte Gotteshaus gefunden hat.

Das beeindruckt auch heute noch. Der ziegelgedeckte Glockenturm, der neogotische Stil des Kirchengebäudes, die farbigen Jugendstilfenster heben die Kirche von der mediterranen Architektur der Umgebung ab und fügen sie doch unaufdringlich in sie ein – als markanten Orientierungspunkt, der auf der Inselkarte, die den Touristen an der Piazza auf Wunsch ausgehändigt wird, deutlich eingezeichnet ist. Und auch der absichtslos vorbeischlendernde Reisende hält heute erstaunt inne, wenn sein Blick auf die Majolikatafel an der Kirchenmauer fällt, wo in Fraktur »Deutsche Evangelische Kirche« zu lesen steht (1).

Wo gäbe es das sonst noch im Mittelmeerraum, dass eine evangelische Kirche so fest zum Traditionsbestand eines fast ausschließlich katholisch geprägten Ambientes zählt? Die Kirche indes erzählt von anderen Zeiten als den heutigen, wo Tag für Tag Scharen von Tagestouristen zu einem kurzen Schnupperbesuch vorbeischauen und andererseits ein mondäner internationaler Jet-Set das Erbe der vormaligen Besitzer angetreten hat. Die Spuren dieser vergangenen Welt von versponnenen Romantikern und bizarren Künstlern, von homosexuellen Dandys und idealistischen Weltverbesserern, von Exzentrikern und Hedonisten finden sich allerdings noch allerorten auf dem felsigen Eiland. Wie hierzulande die romantische Suche nach der blauen Blume, so hat im Fall Capri die blaue Grotte die Phantasie stimuliert und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine frühe touristische Sehnsuchtswelle ausgelöst. Bis zum Zweiten Weltkrieg bestand auf Capri eine bunte und internationale Kolonie von Menschen, die ihre Heimat in der Fremde suchten – und sie manchmal sogar dort auch fanden. Neben zahlloser, heute in Vergessenheit geratener Prominenz, stehen auf der Gästeliste Capris Namen wie Victor von Scheffel und Theodor Fontane, Maxim Gorki und Lenin, Fanny Mendelsohn und Alma Mahler-Werfel, Alfred Krupp, Bertolt Brecht, Graham Greene, Alberto Moravia, Pablo Neruda, Elsa Morante und viele andere (2).

Die Anteil der deutschen Residenten unter ihnen war von erheblichem kulturellem und auch ökonomischem Gewicht, so dass es damals Straßen und Restaurants gab, die deutsche Namen führten. Da durfte auch eine Kirche nicht fehlen, was erklärt, warum der 1885 in Frankfurt gegründete »Verein zur Einrichtung deutsch-evangelischer Gottesdienste in Kurorten« auf Capri an exponierter Stelle ein Grundstück erwarb und bald auch mit dem Bau einer Kirche begann. Die eigentlichen Mentoren und Mäzene waren zwei wohlhabende Frankfurter Bürger: der Kaufmann Moritz von Bernus (1843–1919), der selbst Theologie studiert hatte, und der Bankier Hugo Andreae (1854–1904), der an anderer Stelle noch eine kleine katholische Kapelle für die Fischer stiftete und sich selber auf Capri eine eindrucksvolle Villa gebaut hatte.

Diese alte und die neue Welt Capris treffen heute nirgends so sichtbar aufeinander wie an der Stelle, wo die evangelische Kirche steht. Hier endet die elegante Shoppingmeile der Camerelle mit ihren glitzernden Markenboutiquen, und es beginnt die ehrwürdige Via Tragara, die – immer mit Blick auf das unendliche Blau des Meeres – zur Rechten und zur Linken üppige Gärten und charaktervolle Villen, heute oftmals umgewidmet in Nobelherbergen, aufweist.

»Wenn ich den Winter nicht in Italien verbringen könnte, würde ich sterben«, so hatte die lungenkranke Prinzessin Victoria von Baden und spätere Königin von Schweden Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Capriaufenthalte begründet. Von ihrer Italiensehnsucht sind die schönen Fenster geblieben, die das Kirchenschiff heute noch zieren. Ihr Seufzer gilt wohl für viele Capribesucher heute noch, wenngleich sich die Saison mittlerweile in den Sommer verschoben hat. Der Kirche allerdings ist mit den Jahren die Gemeinde vor Ort abhanden gekommen, die schwere Eichentür bleibt die meiste Zeit im Jahr verschlossen.

Frau Ruocco-Bienengräber, die als junge Journalistin in den 50er Jahren kam und blieb, versucht liebevoll die Aufgabe einer Kirchenpflegerin wahrzunehmen. In ihr finden die Urlauberseelsorger, die – nicht zuletzt wegen des beträchtlichen Preisniveaus – nur noch spärlich auf die Insel kommen, eine hilfsbereite Ansprechpartnerin. Aber was wird sein, wenn sie ihre Aufgabe nicht mehr wahrnehmen kann?

Findige Event-Manager haben bereits entdeckt, dass sich mit dem Arrangement von Hochzeiten in dieser Kirche viel Geld verdienen lässt. Und so reisen sie denn an, die Heiratswilligen aus New York und London, aus Hamburg und München, um hier ihre Traumhochzeit zu feiern.

Für die Evangelisch-Lutherische Kirche in Italien, die heute Besitzerin der Kirche ist und für die evangelische Gemeinde in Neapel, die die direkte Zuständigkeit hat, kommt es darum darauf an, für dieses einmalige Gotteshaus das Konzept einer Kirche ohne Ortsgemeinde zu entwickeln. Das kann durchaus gelingen, wenn man den Passagecharakter ernst nimmt, den menschliches Leben nicht nur in Urlaubszeiten auszeichnet. Es wird eine Kirche der Passanten sein, die sich in diesen Räumen auf Zeit einfinden, ein Gasthaus am Wege, um den Vorbeiziehenden Ruhe und spirituelle Regeneration anzubieten. Das könnte die Richtung sein, in der die Deutsche Evangelische Kirche auf Capri als »Kirche am Weg« eine Zukunft hätte. Dazu wäre es notwendig, dass verstärkt Urlauberseelsorger aus Deutschland einen Dienst in dieser Kirche übernehmen, dem hohen Preisniveau auf der Insel zum Trotz. Aber, wie zu hören ist, soll in absehbarer Zeit auf dem Kirchengelände eine Unterkunft entstehen, die dann den Aufenthalt erschwinglicher macht.

Kleinmütigen Überlegungen jedenfalls, diese Kirche aufzugeben, weil die Gemeinde vor Ort nicht mehr da ist, muss widerstanden werden. Das Kirchengebäude als solches schafft sich schließlich immer neu Gemeinde, wenn es geöffnet und mit Wort und Musik zum Atmen gebracht wird. Es ist anrührend zu erleben, wie die vielen Urlauber neugierig, respektvoll, fasziniert über die Schwelle treten, wenn von drinnen der nostalgische Klang des Harmoniums ertönt. Dann bildet sich schnell eine kleine Inselgemeinde auf Zeit, und es spricht sich herum, dass wieder einmal ein Urlauberseelsorger aus Deutschland auf der Insel ist (3).

Bevor man Capri wieder verlässt, sollte man unbedingt dem cimitero acattolico, dem Friedhof der Nichtkatholiken, noch einen Besuch abstatten. Hier trifft man die vielen Fremden wieder, die einst das Leben der ausländischen Kolonie mit ihren Träumen und Phantasien, mit ihrem Lebenswillen und ihrer Gestaltungskraft bereicherten – und ihr das Gesicht gaben, das die felsige und einst unwirtliche Insel heute hat. Auch Gudrun Baronin Uexküll, die langjährige Kirchpflegerin der evangelischen Kirche und Rilkefreundin, Übersetzerin der Axel Munthe-Biographie und Ehefrau des Umweltforschers Jakob von Uexküll, hat sich hier eingefunden. Manchmal liegen frische Blumen auf ihrem Grab. Auf ihrem Grabstein steht außer ihrem Namen und den Lebensdaten ein Rilkegedicht:

»… wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes hersagend und Gebärden dann und wann aufhebend; aber dein von uns entferntes, aus unseren Händen entrücktes Dasein kann uns manchmal überkommen wie ein Wissen von jener Wirklichkeit sich niedersenkend, so dass wir eine Weile hingerissen das Leben spielen, nicht an Beifall denkend«.

Die Evangelische Akademie Baden veranstaltete vom 22.–24. Oktober 2004 zusammen mit dem Arbeitskreis »Freizeit–Erholung–Tourismus« in der EKD eine Tagung zu Capri und seiner Kirche mit dem Titel »Capri oder die Geschichte einer Sehnsucht«.

 

Anmerkungen

(1) Höchst informativ und lesenwert die von dem Bremer Kulturwissenschaftler Dieter Richter anlässlich der 100-Jahr-Feier der Kirche herausgegebene Festschrift »Das Gotteshaus an der Via Tragara. 100 Jahre deutsche Evangelische Kirche auf Capri«, Edizioni La Conchiglia, Capri. (s.a. unsere Literaturempfehlungen)

(2) Dazu reichhaltiges Material in Stephanie Sonnentag »Spaziergänge durch das literarische Capri und Neapel«, Arche-Verlag, Zürich – Hamburg, 2003. (s.a. unsere Literaturempfehlungen)

(3) Die Vermittlung für einen Kirchlichen Dienst an Urlaubsorten im Ausland erfolgt über das Kirchenamt der EKD, Hauptabteilung III, Postfach 210220, 30404 Hannover 21.

Klaus Nagorni, Leitender Akademiedirektor der Evangelischen Akademie Baden, war drei Jahre lang Auslandspfarrer der deutschsprachigen Gemeinde auf den Balearen, ist Vorsitzender des Arbeitskreises Freizeit-Erholung-Tourismus in der EKD und hat in den Pfingstferien 2003 einen Kurpredigerdienst auf Capri übernommen.

 Quelle: Deutsches Pfarrerblatt Heft 9, 2004

Der Text findet sich auch in leicht veränderter Form in folgendem, sehr empfehlenswertem Buch:

 

 

Evangelischer Arbeitskreis Freizeit – Erholung – Tourismus in der Evangelischen Kirche in Deutschland (Hrsg.):
Das Leben ist eine Reise
Kirche und Tourismus: Impulse – Modelle – Bausteine
ISBN 3-00-014606-7

 

 

 

Werner Ehmler

Ein etwas anderer Gottesdienst auf Capri oder:
»Der Himmel ist um die Ecke«

29. Juni 2003 – 2. Sonntag nach Trinitatis.

Die Evangelische Kirche, die im Jahre 2000 ihr 100-jähriges Jubiläum feierte, ist geschlossen. Nur gelegentlich verbindet ein Pastor seinen Urlaub mit einem Auftrag zur Urlauberseelsorge. Im Jahre 1997 hatte ich mich für diese Aufgabe zur Verfügung gestellt. Zu besonderen Anlässen hält der deutsche Auslandspfarrer in Neapel hier einen Gottesdienst.

Immer wieder zieht es mich auf diese zauberhafte Insel. Natur und Geschichte sind die mich faszinierenden Phänomene, die Bekanntes und Neues beglückend erleben lassen. Wer mit offenen Sinnen die Insel mit ihrer Umgebung wahrnimmt, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Da grüßt z. B. das tiefblaue Meer, da ruht der Blick immer wieder auf dem Golf von Neapel mit dem Vesuv in der Nähe. Deutlich kann man die italienische Küste und nach Westen hin die Inseln Ischia und Procida wahrnehmen.

Kaiser Augustus fand die Insel Capri so schön, daß er von Ischia hierher zog. Sein Ziehsohn Tiberius hat hier lange gewohnt und regiert. Viele Namen, besonders von Dichtern, Schriftstellern und Malern verbinden sich mit dieser Insel.

Aber nun ist Sonntag. Ich möchte so gerne einen Gottesdienst feiern. Ich gestehe: ich habe regelrecht Sehnsucht danach. Die kleine römisch-katholische Kirche auf dem Weg zur Villa Jovis, in der ich oft gerne verweilte, wird gerade renoviert.

Wo ist für mich ein Ort der Stille, an dem möglichst wenig Menschen vorbeikommen? Denn ich möchte nicht nur sitzen, schauen und nachdenken, sondern in Anlehnung an die Liturgie feiern, wie ich es gewohnt bin. Ich will es jedenfalls versuchen. Mir kommt das Wort Introitus in den Sinn. Meine Gedanken gehen zu jenem Wort aus dem 1. Thessalonicherbrief (2, 1): »Denn ihr wisset, liebe Brüder, vor unserm Eingang zu euch ...«. Man kann das Wort Eingang (eisodos) in Griechenland z. B. noch auf Schildern lesen. So wie es im griechischen Neuen Testament steht. Dabei denke ich an die vielen Fährnisse, die Paulus und Silas auf ihrer Missionsreise erleben mußten.

In einem übertragenen Sinn gilt das auch für den Eingang in einen Gottesdienst. Innerliche und äußerliche Hindernisse müssen erst überwunden werden. Der Glaube ist ein Weg durch die – auch ganz persönliche – Geschichte, der nach Fortsetzung verlangt. Wir finden nicht automatisch den Weg zu Gott, nur weil z. B. die Gottesdienstzeit da ist. Es gilt, sich zu bereiten. Viele alte Kirchen haben einen Vorraum, nur wenig geschmückt. Hier sollen sich die Gemeindeglieder versammeln zur Bereitung. Statio heißt das in der Sprache der Alten. In der Evangelischen Kirche ist das Verständnis der Statio leider vielfach verlorengegangen. Hier können wir von unseren römisch-katholischen Schwestern und Brüdern lernen.

Jetzt habe ich einen Platz gefunden auf einer kleinen Mauer am Hang des Monte Tuoro gegenüber den Faraglionifelsen, wo der große Rundweg um den Ostteil der Insel beginnt. Auf diesen Felsen brannten früher die Leuchtfeuer für die Schiffe. Sie sind ein Wahrzeichen Capris.

Neben mir steht eine Pinie mit hohem Stamm und weit ausholenden Zweigen. Welch schöner Dom! Gott ist zwar überall gegenwärtig. Aber: »Es gibt Stätten, wo der Geist weht, sagt Barres, Stätten, wo der Geist den Menschen durchdringt, wo sich ihm Organe für das Göttliche öffnen. Dies ist die größte Gabe der Erde und des Himmels an den Menschen. Für die Alten war der Mensch nur dann wahrhaft Mensch, wenn er geistig erweckt war« (Louis Charpentier). – Die Alten hatten ein Gespür für solche Orte, wo die Kultstätten entstanden; noch bevor es Kirchen gab, die dann oft dort gebaut wurden. Ein Beispiel ist die Kathedrale von Chartres. Sie birgt viele Geheimnisse, die heute erforscht werden und uns in Staunen versetzen.

Mein Eingangspsalm lautet: »Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist Dein Name in allen Landen, Du, den man lobt im Himmel...« (PS 8, 2).

Im Gloria Patri wird mir freudig bewußt, daß ich nicht allein bin. Ich bekenne mich damit zu dem Volke Gottes vergangener Zeiten und seiner Geschichte, die in den Psalmen betend zur Sprache kommt.

So, wie ich bewußt als Glied der Kirche teilhabe an ihren Segnungen, weiß ich auch um die ›Mehrsprachigkeit‹ Gottes in allen Völkern der Erde und zu allen Zeiten. Die Begegnung mit anderen Religionen in unserem Lande läßt längst keinen Raum mehr für die Versuche, mit christlicher Dogmatik der Zuwendung Gottes zu den Menschen Grenzen zu setzen. »Die christliche Offenbarung ist zwar einmalig auf der Welt, es gibt aber andere Offenbarungen beim Einzelmenschen und in anderen Kulturen, die von Christen nicht einfach als Hirngespinste und Phantastereien abgetan werden können.«

»Der Himmel ist um die Ecke« (Titel eines Buches von Michael Barnetts, 1988) gilt als Einladung zur Gotteserfahrung und Gottesoffenbarung, welche im Rahmen der jüdisch-christlichen Tradition eine lange Geschichte hat. Die Gottesoffenbarung ist aber damit nicht abgeschlossen und beschränkt sich nicht auf das schriftlich fixierte Zeugnis von dieser Offenbarung im Alten und Neuen Testament.

Theoretisch könnte sich z. B. die Kirche im ökumenischen Rahmen zu einer erneuten Kanonbildung ›Heiliger Schriften‹ entschließen. Sie hat das bis heute aus gewichtigen Gründen nicht getan in dem Wissen um die Einmaligkeit und Fülle dieser Offenbarungszeugnisse und deren Nähe zu den ›ersten Zeugen‹. Von hier aus ist Licht und Norm gegeben für alle Zeiten.

Diese Einmaligkeit und Einzigartigkeit der Offenbarung Gottes in Jesus Christus duldet kein durch falsche Rücksichtnahme verflachtes Bekenntnis. Toleranz darf nicht mit Selbstvergleichgültigung verwechselt werden. Das Liebesgebot gilt gegenüber allen Menschen. Der christliche Glaube gebietet darüber hinaus die Ehrfurcht vor Gott und seinem Ratschluß, der durch die Kirche auf Erden seinen Willen und seine Verheißungen verkündigen läßt. Und das trotz all ihrer Mängel und Irrungen in ihrer Geschichte. 

Religionsvermischung nach der Devise: ›Nimm von jeder Religion etwas und mische dir deine Religion selbst‹ kann seelisch krank machen. Wir können nicht nach Gutdünken jede Religion für uns ›passend‹ machen und danach leben wollen. Der Reiz des Neuen und Unbekannten belastet viele oft unbewußt und führt in die geistliche Heimatlosigkeit oder auch zur ständigen Überforderung. Die innere Ruhe, die jede wahre Religion schenkt, kann nicht einkehren.

Beim Sündenbekenntnis erinnere ich mich an die Zeit, wo ich selbst wöchentlich Gottesdienste vorbereitete. Mir mißfiel immer das bis ins Detail gehende Bekenntnis der Schuld, z. B. »Wir sind lieblos miteinander umgegangen...« War der Liturg dabei? Was, wenn es gelang, sich gegenseitig Liebe und Achtung zu erweisen?! Konkretes Bekenntnis der Schuld gehört außer an besonderen Buß- und Bettagen in die persönliche Beichte. Eine Zeit der Stille schafft im Gottesdienst Raum, die eigenen Verfehlungen vor Gott auszusprechen. Dabei gilt immer: »Herr, vergib mir meine verborgenen Fehler« (Ps 19, 3).

An dieser Stelle möchte ich auf eine Gefahr hinweisen. Sie liegt in der Verkürzung der Gottesbotschaft. Wenn die kosmische Dimension außer acht gelassen wird und die Verkündigung sich auf die Rechtfertigung des Sünders beschränkt. »Wird hier nicht das Verständnis des Kreuzes ohne die Mystik des Kosmischen Christus verzerrt, übertrieben personalisiert, anthropozentrisch und gar trivialisiert?« (Matthew Fox, 1991).

Angesichts der herrlichen Schöpfung kommen mir Worte aus dem Lied von Paul Gerhard in den Sinn: » … der Wolken, Luft und Winden gibt Wege Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann« (EG 361, 1).

Schriftlesung, Evangelium und Predigt ist alles, was ich hier sehe und höre. Die Möwen gleiten majestätisch durch die Lüfte. Sie breiten nur ihre Flügel aus und predigen mir das Wort: »Ich will dich über die Höhen auf Erden schweben lassen« (Jes 58, 14). Hier bedarf es keiner weiteren Auslegung.

Beim Anblick des Meeres denke ich an Zeit und Geschichte gemäß des Wortes aus der Offenbarung Johannes »Und das Meer ist nicht mehr« (Offb 21, 2). Oder: »Vor dem Thron ein gläsernes Meer gleich wie Kristall« (Offb 4, 6). Mich tröstet die Überzeugung des Sehers Johannes:

Alles Rätselhafte und Unbegreifliche wird einmal vor Gottes Thron – nicht eher – durchschaubar.

Tief unter mir fahren Schiffe, kleine Boote und Jachten, Passagierschiffe mit Touristen beladen. Ein schönes buntes Bild! Sie umfahren die Insel und gleiten durch die Faraglioni-Felsen hindurch und in die Buchten hinein spielend mit den Wellen.

Das Spiel, die Kunst, die freie Zeit – auch das gehört zur Schöpfung, zum Sonntag, zum Sabbat.

Nach der jüdischen Überlieferung ist nicht der Mensch sondern der Sabbat die Krone der Schöpfung. Nur wer auch spielen kann, mit der Zeit, mit den Kräften, mit anderen zusammen, bleibt Mensch. Ich verlasse meinen Platz und empfinde ähnlich wie Jakob nach seinem Traum von der Himmelsleiter: »Hier ist wahrlich Gottes Haus« (Gen 27, 16).

Ja, »der Himmel ist um die Ecke«! Geschlossene Kirchentüren müssen kein Hindernis sein für einen Gottesdienst – in welcher Form auch immer – weder in Capri noch sonstwo.

In den Schaukasten an der Kirche schrieb ich damals neben die Einladung:

Wer die Schöpfung wahrnimmt und Gott nicht dafür dankt, ist ein Narr.
Der Dankbare ist der Zufriedene.
Der Zufriedene trägt zum Frieden in der Welt bei.

 

Werner Ehmler, (*1930), ev. Pfarrer, zuletzt Gemeinde- und Krankenhausseelsorger in Hagen, lebt in Bad Sassendorf. Mitglied im Berneuchener Dienst.

Die Veröffentlichung geschieht mit freundlicher Genehmigung des Autors. Der Erstabdruck findet sich in: Reinhold Fritz, Helga Boeckh, Mathias Gössling (Hg. Im Auftrag der Ev. Michaelsbruderschaft, des Berneuchener Dienstes und der Gemeinschaft St. Michael): Gott ist gegenwärtig. Die Feier des Heiligen. Quatember. Vierteljahreshefte für Erneuerung und Einheit der Kirche. 68. Jg., H. 3 / Juli-September 2004. Hannover, 2004, S. 145-148.